Sophie Stinde

Sophie Stinde, Malerin, geboren 21.9.1853 Lehnsahn/Holstein,
gestorben am 17.11.1915 München

Sophie Stinde ermöglichte die „Mysteriendramen“ Rudolf Steiners. Sie schuf die Grundlagen für den Johannes-Bau in München und dessen Fortführung mit dem ersten Goetheanum in Dornach. Sie war die Repräsentantin der anthroposophischen Arbeit in München – die „Seele unseres ganzen Wirkens“. (GA 261, S. 151) Sophie Stinde wuchs in einer von herzlicher Atmosphäre geprägten Pastorenfamilie im Ostholsteinischen auf. Ihr Halbbruder aus erster Ehe des Vaters, der bekannte satirische Schriftsteller Julius Stinde (1841–1905), finanzierte ihr eine Ausbildung zur Malerin, zunächst ab 1889 in Karlsruhe, dann in München bei P. P. Müller. Reisen durch Deutschland, Frankreich und England vervollständigten den Bildungsweg. Während der 90er-Jahre des 19. Jahrhunderts war sie mit Landschaftsthemen in der Kunstöffentlichkeit präsent, was sich etwa in dem Gewinn der Goldmedaille bei einer Ausstellung in Brisbane niederschlug.
Wie sie zu geistigen Fragestellungen kam, ist unbekannt. Jedenfalls war sie schon 1902 Leiterin des Münchner Hauptzweiges der Theosophischen Gesellschaft mit Pauline Kalckreuth. Als solche begegnete sie Rudolf Steiner 1904 in München. Sie wurde dessen esoterische Schülerin und Leiterin der esoterischen Arbeit in München (Esoterische Schule [ES] und freimaurerischer Erkenntniskultus [FM]). 1904 – 13 war sie im Vorstand der Deutschen Sektion tätig. 1906 richtete sie ein öffentliches Lesezimmer ein; 1907 gründete sie einen Kunst- und Musiksaal für Arbeiter. Im selben Jahr bereitete sie, zusammen mit ihrer engsten Weg- und Lebensgenossin, Pauline von Kalckreuth, den Münchner Kongress vor. Maßgeblichen Anteil hatte sie am Zustandekommen der Münchner Festspiele 1907–13 und damit an den Uraufführungen der vier Mysteriendramen Rudolf Steiners (1910–13). Aus dieser Arbeit erwuchs der Wunsch nach einem künstlerisch angemessenen Bau, wobei sie als Schöpferin des Baugedankens betrachtet werden kann. In der Folge wurde Sophie Stinde erste Vorsitzende des Johannes-Bauvereins (1911-15). Als das Vorhaben in München scheiterte, zog sie mit Gräfin Kalckreuth nach Dornach um. An der Grundsteinlegung des Goetheanums am 20. September 1913 – einen Tag vor ihrem 60. Geburtstag – nahm sie teil. Sie gehörte zu den 13 Persönlichkeiten, welche die Grundsteinurkunde unterzeichneten. Die übergroße Anstrengung, der sie sich im Zusammenhang mit der Bautätigkeit unterzog, führte zur Schwächung ihrer Gesundheit. An einer Lungenentzündung erkrankt, verstarb sie am 17. November 1915. Rudolf Steiner hielt die Ansprache zu ihrer Kremation in Ulm.


Das Leben von Sophie Stinde gliedert sich deutlich in zwei Teile – die Zeit vor der Begegnung mit Rudolf Steiner und die Zeit danach. Ungewöhnlich ist, dass die Vorbereitungszeit über 50 Jahre dauerte, während für die wesentlichen Aufgaben der zweiten Periode gerade elf Jahre zur Verfügung standen. Dennoch lässt sich die Anlage des Späteren in der ersten Zeit deutlich erkennen: Es ist die malerisch-künstlerische Durchbildung. Dieses persönliche Können wird umgeschmolzen zu einem allgemein-künstlerischen Impuls, der sich mit vorbehaltlosem Willen in den Dienst der Anthroposophie stellt. Sophie Stinde wird damit zur Verkörperung jener besonderen Note, die durch die eigentümliche Atmosphäre Münchens möglich erscheint. Während für Berlin das wissenschaftliche Interesse im Vordergrund stand, war hier ein künstlerisches Element von Anfang an maßgeblich: „Und in dieses ließ sich eine Weltanschauung wie die Anthroposophie in ganz anderer Art aufnehmen als in den Rationalismus und Intellektualismus. Das künstlerische Bild ist spiritueller als der rationalistische Begriff“. (GA 28, S. 461)


Ihr Lebensmotiv ergriff Sophie Stinde zweifellos mit den Mysteriendramen und dem Baugedanken. Oder genauer: In der Zusammenführung des Poetisch-Innerlichen der Dramen mit dem architektonisch-plastisch-malerischen Außengebilde des Baues zu dem Gesamtkunstwerk „Goetheanum“. Dabei stellte sie sich ganz auf die Seite des organisatorischen Unterbaues und der menschlich-sozialen Belange. Sie war es, die an Rudolf Steiner die entscheidende Frage richtete. Und sie gab – sachlich und unspektakulär – für diese Aufgabe ihre eigene Lebenssubstanz hin. Die Persönlichkeit von Sophie Stinde bleibt in vielem ein Rätsel. Intimere Aufzeichnungen oder Zeugnisse fehlen. Über ihre innere Entwicklung ist so gut wie nichts bekannt. Wie hinter einem Schleier scheint sie ihr Seelenleben verborgen gehalten zu haben. Dennoch kann man ihres Wesens wenigstens umrisshaft ansichtig werden – in der Wirkung auf seine Umgebung. Da sind vor allem die Ansprachen Rudolf Steiners nach ihrem Tod zu nennen, durch die bloße Anzahl aufhorchen lassend. Dann die Erinnerungen Ludwig Kleebergs, den sie persönlich und finanziell unterstützte und der mit ihr im Briefwechsel stand. Schließlich die feinen Beobachtungen Andrej Belyis und die hohe Wertschätzung, die Marie Steiner ihrem Einsatz im erinnernden Rückblick zollt.


Sophie Stinde war, anders als die hochragende Kalckreuth, von mittelgroßer Statur. Sie besaß eine klare Stimme mit deutlicher Aussprache, gewohnt, Anweisungen zu erteilen. Die unbedingte Strenge, welche sie in der Durchführung der Pflichten an den Tag legte, wurde gemildert durch herzliche Güte und einen kräftigen Humor. Belyi spricht gar von dem „samtenen, taubengleichen Blick“ ihrer Augen (Belyi, 1977, S. 410). Überhaupt wird der Gegensatz zwischen Herbheit und Milde in ihrem Wesen häufig hervorgehoben: „Eine männliche Natur“, „mit Seelenzartheit verbunden“, hat Margarita Woloschin, selbst Malerin, an ihr beobachtet (Woloschin, S.75). Ähnliches empfand Marie Steiner, auf eine starke „moralische Kraft“ weisend, die von ihr ausgegangen sei (M. Steiner, 1945, S. 193). Ein „sonnenhaft Kraftvolles“ erschien Rudolf Steiner als Grundzug ihres Wesens vor dem geistigen Blick. Drei Hauptlinien nahm er wahr, die von diesem sonnenhaften Mittelpunkt ausstrahlten: unbestechlichen Wahrheitssinn im Gedanklichen – sehendes Vertrauen im Gefühlsleben, wurzelnd in der Treue zum Geist – selbstloses Willensfeuer, sich auslebend bis in die Kleinigkeiten alltäglicher Pflichterfüllung (s. GA 261, S. 152, 154, 158, 174f.). Belyi verglich sein Verhältnis zu ihr mit dem zu einem östlichen Starez. Sie sei der „Typ der heiligen christlichen Dienerin Gottes“ (Belyi, 1992, S. 305). Vielleicht am intimsten erspürt man den christlichen Sonnengrund ihres Wesens aus einer brieflichen Äußerung an Ludwig Kleeberg von 1905: „Sehen Sie, lieber Freund, wem so von allen Seiten Liebe zuströmt wie
Ihnen jetzt, von dem wird später auch einmal geistige Hilfe erwartet, und gerade dieses Zuströmen ist mir ein guter Grund anzunehmen, dass Sie anderen in ähnlicher Weise helfen werden und schon helfen. Wir alle müssen unser Leben über vor allen Dingen aber lernen, Liebe auszuströmen. Lassen Sie niemanden an Ihnen vorübergehen, dem Sie nicht einen Liebesstrom nachsendeten. Dadurch wird Ihre Liebefähigkeit und Ihre Vertiefung in die Mitmenschen groß werden, dass Sie Wunder dadurch erzielen werden.“ (Kleeberg, 1955, S. 450).
Florian Roder